Die Zusammenarbeit im Sinne von echten Partnerschaften und Allianzmodellen stärken
Linus Looser, Konzernleitungsmitglied und seit 1. Juni 2025 neuer Infrastrukturchef der SBB. Er trat die Nachfolge von Peter Kummer an.
Herr Looser, Sie leiten seit dem 1. Juni 2025 die Division «Infrastruktur» bei der SBB – in einer Zeit, in der das Schweizer Bahnnetz so stark genutzt wird und so pünktlich ist wie selten zuvor, zugleich jedoch unter erheblichem finanziellem Druck steht. Wie ordnen Sie das ein?
Die Pünktlichkeit ist so hoch wie noch nie – ein schöner Erfolg der integrierten Bahn! Wir haben Planungen besser abgestimmt, trotz 20'000 Baustellen auf unserem Netz und 1.4 Millionen Reisenden. Die hohe Belastung des Netzes und gleichzeitig zu wenig Mittel für die Erneuerung führen dazu, dass die Anlagen überaltern.
«Die hohe Netz Belastung und zu wenig Mittel für die Erneuerung führen dazu, dass die Anlagen überaltern.»
Dadurch entsteht ein Rückstand im Substanzerhalt. Dieser beläuft sich mittlerweile auf rund 9,5 Milliarden Franken. Ohne Gegenmassnahmen nimmt der kurzfristige und ungeplante – und damit teurere – Unterhalt zu. Das Bahnnetz ist wie ein Gebiss: Ohne tägliches Zähneputzen wird aus kleinen Belägen schnell ein teurer Sanierungsbedarf.
Der kürzlich veröffentlichte Netzzustandsbericht 2025 zeigt: jährlich müssen mindestens 230 Kilometer Fahrbahn für einen langfristig qualitativen Betrieb erneuert werden. Letztes Jahr waren es 186 Kilometer. Was braucht es, damit die SBB dauerhaft in diesen Zielkorridor kommt?
Da braucht es einiges: Wir haben ein Programm «Fahrbahnerneuerung” gestartet, wo wir die Laufmeterkosten reduzieren müssen – also effizienter werden, um mit den bestehenden Mittel mehr zu leisten. Gleichzeitig braucht es auch genügend Intervalle, d. h. Zeiten, in denen wir auch effektiv und effizient bauen können. Da haben wir im letzten Jahr gute Erfahrungen mit der Totalsperre Bern-Fribourg gesammelt.
Pro Jahr fliessen rund sechs Milliarden Franken in den Bahninfrastrukturfonds (BIF), um den Betrieb, Unterhalt und Ausbau sicherzustellen. Gemäss der Bundesbahn droht in Zukunft eine Finanzierungslücke. Warum reicht das Geld nicht?
Die SBB erhält rund 3 Milliarden Franken jährlich: 2 Milliarden für den Erhalt und 1 Milliarde für den Ausbau. Da das Netz immer stärker belastet ist, braucht es auch mehr Unterhalt und Erneuerung. Dies zusammen mit dem bestehenden Rückstand führt dazu, dass der Bedarf grösser wird. Gleichzeitig müssen wir auch feststellen, dass Bauen immer anspruchsvoller wird.
«Digitalisierung im Bahnnetz ist ein grosser Schlüssel zum Erfolg.»
Normen ändern sich, Umwelteinflüsse sind stärker zu berücksichtigen, Ansprüche an die Fahrplanstabilität sind in den letzten Jahren gestiegen und mit mehr Baustellen und Nachtzügen verändert sich die Verfügbarkeit der Intervalle - nicht zu Gunsten des Bauens. Auch die Teuerung hat uns in den letzten Jahren gefordert.
Was können SBB, Swissrail und die Industrie gemeinsam tun, um das Bahnnetz noch leistungsfähiger zu machen, ohne das Netz noch stärker zu belasten? Und: wie kann der Unterhalt langfristig sichergestellt werden?
Ich bin stark der Überzeugung, dass wir gemeinsam an Lösungen arbeiten müssen. Zudem bin ich fest davon überzeugt, dass die Digitalisierung im Bahnnetz ein grosser Schlüssel zum Erfolg ist. Damit können wir mehr Kapazität auf dem bestehenden Netz schaffen. Gleichzeitig werden wir stärker in sogenannte Clusterings investieren: Wenn wir an einer Strecke arbeiten, ziehen wir möglichst viele Arbeiten zusammen – auch wenn das einte oder andere noch nicht fällig ist. Das führt zu weniger Betriebsunterbrüchen, besserer Ressourcennutzung und höherer Kosteneffizienz.
Was sind Ihre drei wichtigsten Ziele der nächsten Jahre als Leiter Infrastruktur bei der SBB?
Wir möchten mit einer effizienten und effektiven Infrastruktur unseren Beitrag zu einem attraktiven, leistungsfähigen und zukunftsfähigen Bahnsystem leisten. Damit schaffen wir die Grundlage dafür, dass die Bahn auch künftig eine tragende Rolle für die Mobilität in der Schweiz spielen kann.
Dabei ist auch ein zentrales Ziel genügend finanzielle Mittel für den Substanzerhalt der bestehenden Bahninfrastruktur sicherzustellen. Nur so können wir den bestehenden Erneuerungsrückstand stabilisieren und die Leistungsfähigkeit des Netzes langfristig sichern.
Drittens wollen wir die Digitalisierung des Bahnnetzes konsequent vorantreiben. Moderne digitale Technologien ermöglichen es uns, die Infrastruktur effizienter zu betreiben, die Kapazität besser zu nutzen und die Zuverlässigkeit weiter zu erhöhen.
Und an die Bahnindustrie gerichtet: Was wünschen Sie sich von den Swissrail-Mitgliedern in den nächsten Jahren?
Ich wünsche mir, dass wir die Zusammenarbeit im Sinne von echten Partnerschaften und Allianzmodellen weiter stärken. Gemeinsam können wir die Zukunft der Bahn besser gestalten und die Herausforderungen der kommenden Jahre noch erfolgreicher bewältigen.
Dazu gehören mehr Standardisierung und weniger proprietäre Lösungen, damit wir effizienter werden und das Gesamtsystem vereinfachen. Gleichzeitig sollten wir die Digitalisierung als gemeinsames Leuchtturmprojekt vorantreiben und gemeinsam dafür sorgen, dass genügend qualifizierte Fachkräfte für unsere Branche zur Verfügung stehen.
Vielen Dank für das Interview!
Dieses Interview stammt aus der aktuellen Ausgabe des "express". Die vollständige Ausgabe des Magazins können Sie hier lesen.
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