Bahntechnik 1990 bis heute – Die Schweiz als Treiber der Digitalisierung
Eine persönliche Einordnung
Die Bahntechnik entwickelt sich in langen Zeiträumen. Veränderungen erfolgen selten sprunghaft, sondern meist schrittweise – getragen von technologischem Fortschritt, betrieblicher Erfahrung und strategischen Entscheidungen. In meiner über dreissigjährigen Tätigkeit in der Sicherungstechnik durfte ich diese Entwicklung aus nächster Nähe miterleben.
In den 1990er-Jahren stand zunächst die Einführung elektronischer Stellwerke im Zentrum. 1997 durften wir das erste elektronische Stellwerk in der Schweiz in Betrieb nehmen – heute sind über 100 Elektra-Stellwerke landesweit im Einsatz.
Kurz darauf folgte mit ETCS Level 2 der nächste grosse Schritt. Beim Pilotprojekt Zofingen–Sempach war noch viel Pioniergeist gefragt, unter anderem bei der Definition der Schnittstelle zwischen Stellwerk und RBC. Auf der Neubaustrecke Mattstetten–Rothrist wurde ETCS zunächst noch mit parallel betriebenen Aussensignalen eingeführt.
Gleichzeitig veränderte die Einführung der europäischen CENELEC-Normen die Entwicklung sicherheitsrelevanter Systeme grundlegend. Einheitliche Nachweisprozesse erhöhten Qualität und Transparenz, machten Projekte aber auch komplexer, länger und teilweise teurer. In der Schweiz gelang es jedoch, diesen Wandel gemeinsam mit Infrastrukturbetreibern, Industrie und insbesondere dem Bundesamt für Verkehr konstruktiv zu gestalten. Die partnerschaftliche Rolle des BAV war dabei ein entscheidender Erfolgsfaktor.
Mit den NEAT-Projekten begann schliesslich eine neue Ära. Der konsequente Verzicht auf Aussensignale in den Basistunneln war ein mutiger und wegweisender Entscheid. Heute gilt die Schweiz international als Referenz für den Betrieb hochleistungsfähiger Infrastruktur mit ETCS Level 2.
Nun steht der nächste Entwicklungsschritt an: die Digitalisierung der Stellwerkslandschaft. Mit der EESA-Ausschreibung haben die SBB einen strategisch wichtigen und richtigen Schritt gemacht. Sie schafft die Grundlage für eine neue Generation digitaler Sicherungssysteme und stellt die langfristige Weiterentwicklung der Bahninfrastruktur sicher.
Für mich persönlich schliesst sich damit ein Kreis. Es war ein Privileg, diese Entwicklung über viele Jahre gemeinsam mit engagierten Kolleginnen und Kollegen sowie mit mutigen Kunden aktiv mitgestalten zu dürfen. Die Grundlagen für die Zukunft sind gelegt – und ich bin überzeugt, dass die nächste Generation den erfolgreichen Weg der Schweizer Bahntechnik mit derselben Entschlossenheit weiterführen wird.
Verfasst von Kurt Sauerwein
Ehemaliges Swissrail-Vorstandsmitglied, Fachbereich Sicherungstechnik & Automatisierung
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