Swissrail Industry Association / Mi 29.06.2022

Interview mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga

Wir haben Frau Bundesrätin Simonetta Sommaruga zur Mobilität von morgen befragt. Stichworte dazu sind integrierte Mobilität, Digitalisierung, Autonomes Fahren und CO2-Reduktion. Wie klug nutzen wir die Infrastruktur?

Vertreter der Schweizer Bahnindustrie konnten im März 2022 Bundesrätin Simonetta Sommaruga bei einem Arbeitsbesuch in den Niederlanden begleiten. Am Besuch wurden mit den niederländischen Partnern wichtige Themen aus den Bereichen Verkehr und Energie diskutiert. Anschliessend traf die Swissrail-Delegation Vertreter von ProRail, der grösste Eisenbahninfrastrukturbetreiber der Niederlande, und erhielt eine spannende Führung durch das Unterhalts- und Forschungszentrum, Railcenter. Autonomes Fahren, Energie-Optimierung und Digitalisierung sind nur einige der Zukunftsthemen, zu denen ein interessanter Austausch stattfand.

Die Bahn feiert in der Schweiz dieses Jahr ihr 175. Jubiläum. Welche Bedeutung hat die Eisenbahn für Sie? 

Ich bin seit Kindstagen ein Bahn-Fan. Noch heute bin ich gerne mit der Bahn unterwegs, weil ich dort lesen, arbeiten, essen, mich unterhalten oder mir die «Füsse vertreten» kann. Die Bahn steht für den Service Public in unserem Land: Sie sorgt Tag für Tag dafür, dass die Pendlerinnen und Pendler zur Arbeit kommen und die Unternehmen ihre Waren effizient und klimafreundlich transportieren können. Wer für einen Ausflug in die Berge oder in eine Stadt reist, kann sich ebenfalls auf die Bahn verlassen. Die Bahn ist wichtig für den Zusammenhalt in unserem Land – und sie prägt damit auch unsere Identität.

Dieses gute Angebot haben wir früheren Generationen zu verdanken. Darauf können wir aufbauen, wenn es darum geht, die Zukunft unseres Landes zu gestalten.


Die Mobilität wird sich in den nächsten Jahren stark verändern, Stichworte dazu sind integrierte Mobilität, Digitalisierung, Autonomes Fahren und CO2-Reduktion. Wie stellen Sie sich die Mobilität in 20 Jahren vor? 

Sicherheit und Verlässlichkeit bleiben für die Bevölkerung zentral. Ich bin zudem überzeugt, dass der Klimaschutz weiter an Bedeutung gewinnen wird. Das sehen wir derzeit auf der Strasse: Der Wechsel auf Elektroautos und klimafreundliche Lastwagen verläuft rascher als erwartet, und so konnten wir die Roadmap E-Mobilität kürzlich mit ambitionierteren Zielen verlängern. Die Bahn haben wir in der Schweiz schon früh elektrifiziert. Das hat zu ihrer Beliebtheit und Akzeptanz beigetragen.

Grosse Chancen bietet ausserdem die Digitalisierung, zum Beispiel um das Ticketing zu vereinfachen oder um den Warenverkehr international effizienter abzuwickeln.

2020 haben Sie in einem Interview bezogen auf die Bahninfrastruktur gesagt: "Was nicht mehr geht: immer nur ausbauen. In den kommenden Jahren stehen der Unterhalt und die klügere Nutzung der bestehenden Infrastruktur im Vordergrund." Sind wir zwei Jahre später auf gutem Weg zur klügeren Nutzung der Infrastruktur? 

Ich habe mich dafür eingesetzt, dass genug Geld vorhanden ist für Betrieb und Unterhalt bei der Bahn. Es ist entscheidend, dass wir unsere Verkehrsnetze in gutem Zustand halten. Ausserdem gehört es zur DNA der Schweiz, dass keine Region abgehängt wird. Unsere Bevölkerung soll in allen Regionen der Schweiz gute Verkehrsverbindungen haben. Mit den Ausbauten der letzten Jahrzehnte haben wir Vieles erreicht. Dank dem Bahninfrastrukturfonds ist bei uns die Finanzierung der Bahninfrastruktur über Jahre hinaus gesichert. In anderen Ländern sehen wir, was passiert, wenn diese Sicherheit fehlt, dies erschwert eine langfristige Planung.  

Für unsere Mobilität ist es auch wichtig, dass wir Bus, Tram, Bahn und Auto besser miteinander kombinieren – und so die schon bestehenden Infrastrukturen besser nutzen.  Die Bahn ist für Fahrten zwischen den Städten unschlagbar effizient, meist auch pünktlicher als das Auto. Im ländlichen Raum, wo der Takt weniger dicht ist, bleibt die Strasse wichtig. Also geht es darum, das geschickt zu kombinieren. Und Bahnhöfe noch stärker zu Mobilitäts-Drehscheiben auszubauen.

Eine Delegation von Vertretern der Bahnindustrie konnte Sie kürzlich auf einer Reise in die Niederlande begleiten. Sie haben sich mit den niederländischen Partnern über die Zukunft der Bahn ausgetauscht - was können wir von den Niederlanden lernen? 

Auf der Reise waren viele Bahn-Unternehmen aus der Schweiz dabei, die in der Bahnbrache führend sind: bei der Herstellung von Zügen, für elektronische Komponenten, Bremsen, Zugsicherungssysteme oder die Automatisierung des Güterverkehrs. Die Gespräche waren darum für beide Seiten spannend. Wir haben zudem gesehen, wie wichtig für die Niederlande der Wasserweg ist, der über den Rhein bis nach Basel führt. Rotterdam ist der mit Abstand wichtigste Hafen in Europa.  Es freut mich daher, dass die Hafenbehörden von Rotterdam und Basel anlässlich unseres Besuchs vom März eine Vereinbarung unterzeichnet haben, um die Zusammenarbeit zu vertiefen: die Basler Rheinhäfen stärken die Rheinschifffahrt mit dem Containerterminal Basel-Nord – und Rotterdam baut seinen Wasserstoff-Gateway aus.  

Wir haben zudem über die Verlagerungspolitik gesprochen. Dank dem Gotthard-, Lötschberg- und Ceneri-Tunnel gibt es eine Flachbahn durch die Alpen, die dem europäischen Güterverkehrskorridor Rotterdam-Genau zugutekommt. Die Schweiz leistet damit einen wichtigen Beitrag für einen effizienten, klimaschonenden Gütertransport in Europa. 

Der Fachkräftemangel trifft unsere Branche stark. Firmen können Fachleute zum Teil gar nicht rekrutieren oder erst nach langer Suche. Gibt es seitens Bund Ansätze, die Aus- und Weiterbildung in den MINT-Berufen zu fördern, um dem Fachkräftemangel zu begegnen? 

Der Fachkräftemangel ist in der Tat eine Herausforderung. Zahlreiche Bahnunternehmen haben mit höheren Löhnen darauf reagiert oder rekrutieren verstärkt im Ausland. Mir ist wichtig, dass wir selbst mehr Fachleute ausbilden und auch den Anteil der Frauen im MINT-Bereich erhöhen. Dazu gehört, dass wir schon in der Schule mehr Interesse an Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik wecken und aufzeigen können, welch spannende Berufe damit verbunden sind. Der Bund unterstützt daher die Förderung von MINT-Ausbildungen. Unter anderem hat er die Akademien der Wissenschaften Schweiz mit einem Mandat für die Förderung von MINT-Kompetenzen betraut. Die Federführung ist beim Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF). Die Hochschulen bemühen sich ebenfalls, die Studierendenzahlen im MINT-Bereich zu erhöhen.

Im September 2022 wird die Schweizer Bahnindustrie an der Weltleitmesse InnoTrans in Berlin zum ersten Mal mit einem CO2-neutralen Länderstand mit über 40 Firmen auftreten. Welche Nachricht an unsere ausländischen potenziellen Kunden würden Sie uns mitgeben?

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